Sigrid Vogel, Arbeitsgemeinschaft Burgruine Scharzfels


Szenen einer Rose

Szene 1

Wie der Zufall so spielt... Bei einem Gang durch die liebevoll gepflegten Rosenbeete des Rosariums Sangerhausen im Jahr II der Coronarestriktionen fällt der Blick auf einen Rosennamen: „Aurora von Königsmarck Meilland 2013“.

Maria Aurora von Königsmarck (1662-1728), Mätresse des Kurfürsten August des Starken in Dresden, später Pröbstin des Stifts Quedlinburg, Schwester Philipp Christoph von Königsmarcks, der am 11. Juli 1694 in Hannover ermordet wurde!
Lebhafte Erinnerung an die skandalumwitterten Geschehnisse um Sophie Dorothea von Celle, Gemahlin des späteren König Georg I von England, an ihren Geliebten, Philipp Christoph von Königsmarck, und an die Kammerfrau Eleonore von dem Knesebeck, die im kurhannöverschen Staatsgefängnis auf Burg Scharzfels fast 3 Jahre in Einzelhaft zubrachte, weil sie nach Einschätzung derer, die am Hof das Sagen hatten, über die Liaison „zu viel wusste“...!
Mitte Juni 2021 stehen in Europas größtem Rosenpark nach den kalten Maitagen erst einige wenige Wildrosen in Blüte. Doch allein schon die fantasievollen Namen der Edelrosen verheißen eine baldige Blütenpracht.

Szene 2

Düna. Firouz Vladi öffnet eine Email mit Fotoanhang und ist elektrisiert: „Wenn Du nur wüsstest, was Du damit wieder ausgelöst hast...!“ Seine Idee: Rosenpflanzung nebst Aufstellen einer Informationstafel an der Schlossgaststätte Burgruine Scharzfels. Sofortiges Recherchieren im Internet und aufspüren der Gärtnerei Mülsengrund in Zwickau, die die Meilland-Rose als Lizenznehmer im Sortiment führt. Tags drauf in Begleitung eines Experten dorthin fahren, Exemplare der Rosensorte, Rosenerde und Rosendünger kaufen und auf die Burgruine Scharzfels bringen. Dort mit Erlaubnis von Anett Illert, der Wirtin der Schlossgaststätte, ein Rosenbeet anlegen. Nebenbei eine Infotafel entwerfen und fertigen lassen, um sie am Rosenbeet zu Ehren der Aurora von Königsmarck aufzustellen. Sie, nach Voltaire „berühmteste Frau zweier Jahrhunderte“, hatte nämlich auch auf dem Scharzfels ihre Wirkung entfaltet!

Mit der verbotenen Liebschaft zur Kurprinzessin Sophie Dorothea hatte ihr Bruder Philipp Christoph den Anlass zur Anwesenheit der Kammerfrau Eleonore von dem Knesebeck auf Burg Scharzfels, damals Staatsgefängnis, gegeben. Als unliebsame Mitwisserin hatte man die Zofe ohne rechtmäßiges Verfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. Aurora beteiligte sich mit 11 Talern für den Dachdecker Hans Veit Rentsch aus Herzberg an der abenteuerlichen Flucht der Eleonore vom Scharzfels am 5. November 1697.

Szene 3

Burgruine Scharzfels. 18. Juni 2021. 35 Grad Celsius. Die Arbeitsgemeinschaft Burgruine Scharzfels trifft sich zu Pflaster- und Pflegearbeiten.
Sie pflanzt die Edelrosen, stellt ein Informationsschild auf und rätselt darüber, wie es zu dem Namen der Rose kam.

Szene 4

Göttingen. Internetrecherche. So viel ist bekannt: Die Edelrose „Aurora von Königsmarck®“ wurde von dem Rosenzüchter Meilland gezüchtet. Nachforschungen ergeben: Die Firma Meilland Richardier (www.meillandrichardier.com) ist auf der ganzen Welt tätig. Wie kam die Firma darauf, der Rose den Namen „Aurora von Königsmarck“ zu geben? Der Kontakt in wohlgesetzten französischen Worten ist erfolgreich.1 Man verweist auf die Vertretung in Deutschland und deren Geschäftsführer, Herrn Eßer. In einem Telefonat erzählt er, dass die Züchtung einer Edelrose etwa 10 bis 12 Jahre dauere. Man züchte zunächst auf einem Sämlingsbeet drauflos bis zu einem guten Zuchtergebnis. Die Markteinführung erfolge durch Baumschulen und Gärtnereien, die das Zuchtergebnis sowie die Lizenz zum Weiterzüchten erhielten. Seit 1994 gibt es eine Vertretung der Firma Meilland in Deutschland, zunächst die Firma BKN Strobel (https://www.welt-der-rosen.de/zuechter/meilland.html), die seit 2015 von der Rosarie Pflanzenhandel in Heidgraben (Schleswig Holstein) weitergeführt wird.

Die Edelrose sei fertig gezüchtet gewesen, so Herr Eßer, an den Namensgebungsprozess erinnere er sich nicht. 2012 habe es in Stade Feierlichkeiten zum 350. Geburtstag Aurora von Königsmarcks gegeben. Der damals anwesende Otfried Graf von Koenigsmarck2 könne vielleicht weiterhelfen.

Szene 5

Spätsommer 2021. Der Nebel um die Rosentaufe beginnt sich etwas zu lichten. Als Reaktion auf die Anfrage bei Herrn von Koenigsmarck, wie es zur Namensgebung kam, findet sich eine Sendung im Briefkasten, inliegend die Taufurkunde des Rosennamens, Unterlagen zur Geschichte der Adelsfamilie sowie das Presseecho auf die Geburtstagsfeierlichkeiten in Stade. Ein Artikel zeigt die Taufpaten der Aurora-Rose, Herrn von Koenigsmarck und Frau Hartmann, die ehemalige Präsidentin vom Lions Club Stade Aurora von Königsmarck. Hatte sie sich an die Rosenzüchter wegen einer Neuzüchtung gewandt? Ihr Nachfolger, Dr. Schernikau, vermittelt den Kontakt zu ihr und sie schreibt:

„... die Namensgebung der Rose „Aurora von Königsmarck“ erfolgte aufgrund eines Beschlusses unseres Lions Club Stade Aurora von Königsmarck. Angeboten wurde uns der Kauf der Namensgebung der Rosenneuzüchtung durch die Fa. Strobel vertreten durch Herrn Eßer. Der Lions Club Stade Aurora von Königsmarck kaufte das Recht der Namensgebung und taufte die Rose auf den Namen Aurora von Königsmarck. Die Erstbepflanzung mit der Rose Aurora von Königsmarck erfolgte dann in der Kleinen Schmiedestraße in Stade aus Anlass des 350. Geburtstages der Aurora von Königsmarck, am Standort des ehemaligen Wohnhauses der Familie von Königsmarck . Danach wurde die Rose von einem Blumenfachgeschäft in Stade zum Verkauf angeboten.“

Szene 6

Treffen in der Schlossgaststätte an der Burgruine Scharzfels. Und am Rosen-Rondell. Das Rätsel der Namensgebung der Rose „Aurora von Königsmarck“ ist gelöst! Weder war es die Initiative eines französischen noch ein schleswig-holsteinischen Rosenzüchters, sondern die des Lions Clubs Stade „Aurora von Königsmarck“, der seine Namensgeberin würdigen wollte.

Im Jahr II der Coronabeschränkungen suchten viele Besucher die Burgruine Scharzfels auf. Doch schon deutet sich an, dass im Jahr III der grassierenden SARS-CoV-2- Virusvarianten die von der Arbeitsgemeinschaft renovierte „Eleonorenstube“ auch nicht immer zugänglich sein wird. Gut, dass die virtuelle Rekonstruktion der Burg auf www.scharzfels.info und die Tafeln rund um die Ruine und Schlossgaststätte über Hintergründe und Begebenheiten informieren!

An der Burgruine Scharzfels im Südharz verweben sich die Lebenswege von Aurora von Königsmarck und von Eleonore von dem Knesebeck, zwei Frauen, die jeweils auf ihre Weise der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhalfen. Die eine tat es als Fluchthelferin, die andere im Bewusstsein, dem unrechtmäßigen Eingesperrt-Sein ein unrechtmäßiges Entweichen aus dem Staatsgefängnis entgegenzusetzen und sich mutig in einer Nacht- und Nebelaktion zusammen mit einem angeheuerten Dachdecker über den Burgfelsen abseilen zu lassen.



1 „Bonjour, au Rosarium de Sangerhausen (Allemagne), j'ai découvert votre Rose "Aurora von Königsmarck", 2013 TH. Depuis hier, quelques espèces ornementent les ruines du Château de Scharzfels, ancienne prison de George Ier d'Hanovre et d'Angleterre. De 1784 - 1787 Eléonore von dem Knesebeck, femme de chambre et confidente de Sophie Dorothée de Celle y était incarcérée parce qu'elle "savait trop" de l'affaire entre Sophie Dorothée (plus tard bannie à perpétuité) et Philippe von Königsmarck (assassiné). Aurora, soeur de Königsmarck et à son temps personnage illustre, donna 11 Taler pour la fuite aventureuse de la prisonnière. Depuis hier, un panneau évoque le souvenir de votre rose et d'Aurore de Königsmarck. Pourriez-vous me dire qui de votre équipe et pourquoi a-t-elle/il choisi ce nom en 2013? Mon association, bien francophile d'ailleurs, aimerait bien en faire une petite publication (presse régionale, brochure). Merci de votre aimable réponse et dans l'attente de vous lire Sigrid Vogel

2 Unternehmer in Ortenberg. Die Änderung des „ö“ in „oe“ im Familiennamen geht auf die preußische Linie der Königsmarcks im 19. Jahrhundert zurück. Die schwedische Linie der Adelsfamilie endet mit dem Tod Auroras und ihrer Geschwister.

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